Der Erholungserwerb verändert das Inselbild

1865 hat Borkum bereits 500 Gästebetten

BorkumMittlerweile schreiben wir das Jahr 1865, das uns von 500 Betten berichtet. Während dieser ersten Entwicklung ist die Badekommission weiterhin nicht müßig gewesen. Die Zahl der Badekutschen wird laufend vergrößert, und Bänke werden am Strand aufgestellt. Zahlreiche Wege, die zum Strand führen, werden mit Grassoden, mit Brettern und Steinplatten ausgelegt. Der Wert warmer Seebäder wird frühzeitig erkannt. In der Köhlerschen Giftbude am Strand werden 1875 fünf Zellen mit Porzellanwannen und Duschen eingerichtet. Dazu kommen ein Abreibekabinett und ein Wartezimmer. Ein eigenes Warmbadehaus mit einer 400 Meter langen Seewasserleitung wird 1887 gebaut. Es stand in der oberen Strandstraße gegenüber dem heutigen „Cafe Schmidt“ und ward anfänglich mit 17 Wannenbädern ausgestattet, 1894 vergrößert, und nachdem es im Laufe der vielen folgenden Jahre des Öfteren umgebaut und erweitert wurde und dann mit den modernsten Kureinrichtungen wie Massage- und Inhalationsräume, Unterwasser- und Schlammbäder, Ruheräume für Damen und Herren versehen ist, sucht man in diesem Kurmittelhaus noch bis 1969/70 allen Erfordernissen auf dem Gebiet der Verabreichung von Kurmitteln nachzukommen.

auswirkung und Entwicklung auf das Fischerdorf

BorkumWie aber mag die bisherige Entwicklung sich auf das Fischerdorf ausgewirkt haben? Einmal haben die Insulanerfrauen längst erkannt, dass sich hierfür sie eine neue Erwerbsquelle öffnet, zum anderen hat man aber auch eingesehen, dass man als Gastgeber hinsichtlich der notwendigen Verbesserungen im und am Hause seine Verpflichtungen hat. So werden aus den alten Sommerküchen Wohnräume mit gedieltem Fußboden, mit Teppichen, mit Tapeten und mit schönen Einrichtungen. Es verschwinden langsam die Wandbetten, an ihre Stelle kommen Bettstellen. Einige Jahre weiter verschwinden langsam die kleinen einfachen Fischerhäuschen. Entweder baut man sie aus oder um, oder ein Neubau entsteht. Und bald erkennt man überall an den angebauten offenen Holzveranden, die den Gästen als Aufenthalts- und Eßraum dienen sollen, den Typ eines Inselhauses mit Saisonvermietung. Hinsichtlich der Gastronomie lässt sich der Gast in sogenannten Menagen das Essen von einer der drei Hotelküchen holen, oder er speist in gutgekleidetem Anzuge in diesen Hotels. Obwohl das alte Dorf bis dahin noch die sommerlichen Gäste aufnehmen konnte und sich nicht über den heutigen Bahnhof hinweg erweiterte, blieben die Süd-, West- und Nordwestdünen – bis auf Giftbude und Kurmittelhaus – noch bis etwa 1890 unbebaut liegen (oberhalb des Bahnhofs).

1879 als erstes größeres Bauwerkwird der große Leuchtturm erbaut

BorkumAllerdings wird hier 1879 als erstes größeres Bauwerk der an der heutigen Stelle stehende große Leuchtturm erbaut, da der alte, der seit 1857 mittels eines Linsenapparates (Fresnelscher Linsenapparat) mit einem einzigen verstärkten Öllampenlicht durch seine 27 Glasfenster stärker hatte strahlen können, in dem selben Jahre, am 14. Februar 1879, durch eine im Innern entstehende Feuersbrunst vollkommen ausbrannte, aber in seinem äußeren Mauerwerk stehenblieb. Noch im selben Jahr wurde der Grundstein zu einem neuen Turm gelegt, und zwar am 01. Mai 1879. Und bereits am 19. September des gleichen Jahres konnte der letzte Stein eingefügt werden. Der heutige große Leuchtturm stand und steht in den sogenannten Westdünen. Er bekam ebenfalls eine Glaskoppel, aber seinBorkum größerer Fresnelscher Linsenapparat mit seinen katadioptrischen Linsen innerhalb der Kuppel wurde durch ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt, sodass es ein Drehfeuer ergab. Eine große Lampe mit 5 konzentrischen Dochten wurde nicht mehr mit Ruböl, sondern mit Petroleum gespeist. Später benutzte man einen sogenannten Glühstrumpf. Man verbrauchte im Jahr 5100 Kilogramm Petroleum. Fast ein Jahrzehnt später, 1888, erbaute man in den Süddünen für die Ein- und Ausfahrt der schiffe den kleineren rot-weißen Leuchtturm, dessen Leuchteinrichtung anfangs durch Batterien und Akkus, 1891 aber mit elektrischem Strom gespeist wurde. Er erhält einen kleineren Fresnelschen Linsenapparat mit einer 1000 Watt Lampe. Mit seinem Kernstrahl und seinen linksseitigen paarigen und seinen rechtsseitigen unpaarigen lichtblitzen muss derselbe den Schiffen Lotsenturm Borkumbei der Ein- und Ausfahrt in die Emsmündung die Kursrichtung angeben. So gibt der sogenannte große Leuchtturm mit seinen dreimaligen zwei Strahlen als Rundfeuer den Schiffen an der Küste das Kernfeuer der Insel Borkum, während der sogenannte rot-weiße elektrische Leuchtturm mit seinem Sektorenlicht der Lotsen-Leuchtturm wird. 1925 erhält auch der große Leuchtturm elektrische Befeuerung. Eine 1500 Watt starke Lampe wirft durch die Linsenkörper ein verstärktes Licht von 521 500 Watt, das 55 Kilometer Reichweite hat. 1960/61 wird auf dem Ende des Leitdammes, der sogenannten Einfahrt in die Fischerbalje, ein dreibeiniger zweiter Lotsenturm mit Sektorenstrahlen errichtet, und in der mittleren Höhe des großen Leuchtturmes wird fast zur gleichen Zeit in die Außenwand ein sogenanntes Balkonfenster mit Selektoren-Leitstrahlen eingebaut, um den Schiffen die sichere Einfahrt in die Westerems anzeigen zu können, da das durch den Richtstrahl des elektrischen Leuchtturms am Südstrand wegen der Verlagerung der Fahrrinne nicht mehr möglich ist.

Das der Gästestrom nun aber von Jahr zu Jahr schneller anstieg

BorkumDas der Gästestrom nun aber von Jahr zu Jahr schneller anstieg, ersieht man aus der Erhöhung der Bettenzahl. So hat man um 1870 etwa 700 Betten, 1880 sind es schon 1500. Wenn auch bis dahin die Seeverbindungen günstiger geworden sind, so bereitete das Ausbooten der Gäste am Südstrand doch immer noch erhebliche Sorgen. So fuhr man mittlerweile schon mit einem Dampfer. Aber derselbe konnte nicht an einer Landungsbrücke anlegen. Er fuhr, wie die bisherigen Schiffe es auch mussten, bis nahe auf den Südstrand, und zwar so nah, als der Tiefgang des Schiffes es erlaubte. Dort wurde der Gast „umgeladen“ oder, wie wir sagen, „ausgebootet“. Er kam in ein kleineres Boot, das ihn zu einer im Wasser liegenden beweglichen Landungsbrücke brachte. An diese fuhren einfache Deckwagen oder offene Leitplankenwagen mit hohen Rädern und zwei kräftigen Pferden gezogen, die bis an den Bauch ins Wasser mussten. Nun wurde der Badegast von den beweglichen Planken der Landungsbrücke aus zum zweiten Male „verfrachtet“, und zwar auf die Wagen. Auf den hölzernen Bänken dieser Wagen fuhr man dann die „wertvolle Fracht“ durch die Dünen ins Dorf, und kräftig durchgeschüttelt und durchgeschaukelt, kam man mit der Badegastlast beim Dorfhotel an. Wer so eine Seereise hinter sich hatte, konnte oftmals viel erzählen, vor allen Dingen, wenn bewegtes Wasser war. Allerdings, war das Wetter zu stürmisch, dann setzte man die Gäste in der Fischerbalje, der sogenannten Südreede (etwa im Raum unserer heutigen Woldedünen) ab. Dann begann allerdings das Aussetzen der Badegäste vom Schiff aus auf die Boote und dann auf die Pferdewagen. Mit dem Jahre 1888 tritt in dem endlich die große Wende ein. Aus Borkumeiner sogenannten Pferdeeisenbahn, die aus dem Watt 1879 die Steine zum Bau des großen Leuchtturmes herbeigeschafft hatte, wurde 1888 eine schmalspurige Eisenbahn, die nun zur Reede führte, wo m man einem Hafen mit einer festen Landungsbrücke und einer Schiffsanlegestelle geschaffen hatte. Im gleichen Jahr wurde auch ein Bahnhofsgebäude errichtet, das in seinen mittleren Bauabschnitt noch heute erkennbar ist. Nun konnte sich die An- und Abreise der Gäste reibungsloser, schneller und vor allen Dingen bequemer vollziehen. Dadurch und mit dem sich entwickelten größeren Wohlstand im Reichsgebiet nahm der Zustrom der Gäste so gewaltig zu, dass man gezwungen war, weitere größere Häuser zu bauen. So setzte von 1890 an eine große Bauperiode ein. Während im alten Dorf mehr und mehr die alten Fischerhäuser verschwanden, dafür schmucke kleine und vor allen Dingen zweistöckige Häuser mit geschlossenen Veranden zur Aufnahme von Gästen einluden, entstand in den beiden Jahrzehnten von 1890 bis 1910 oberhalb der heutigen Bahnlinie ein neues Kurviertel mit den großen, weiß gekalkten Hotels und Pensionshäusern. .

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Quellennachweis: Der Erholungserwerb verändert das Inselbild | Wilhelm Pötter | KVB 125J Nordseeheilbad Borkum | Erarbeitet durch Karsten Schönbeck

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